03 Lesung HaffnerHAUTNAH IN DIE ZEIT HINEINVERSETZT

Rund um Sebastian Haffners persönliche „Geschichte eines Deutschen“ haben acht Schüler des Gymnasiums "In der Wüste" eine Text-Bild-Ton-Collage erarbeitet. Im Gespräch schildern sie den Entwicklungsprozess und loten den Ertrag für sich selbst und die Zuschauer aus.

Zunehmend lauter, eindringlicher und bestimmter wird der Ton, in dem die Schüler am Ende gemeinsam Kurt Tucholskys „Gebet nach dem Schlachten“ rezitieren. Das theatralische Sprechen im Chor ist dabei nur eine von vielen Darstellungsformen, aus denen die multimediale Text-Bild-Ton-Collage gestrickt ist, die acht Abiturienten des Gymnasiums "In der Wüste" aufführungsreif gemacht und nun auch im restlos ausverkauften Ruller Haus präsentiert haben.

Von „berührt“ und „ergriffen“ über „gut zusammengestellt“ bis „beeindruckend vorgetragen“ reichten die Reaktionen des Publikums bereits in der erst kurz zuvor beschlossenen Pause. Mit Teelichtern als Leselampen und vier Handmikrofonen, die sie sich teilten, flankierten jeweils vier Schüler die große, wandfüllende Leinwand in der Mitte, auf der in rund 100 Minuten fast 200 unterschiedliche Bilddokumente zu sehen waren. Sie unterstützten in enger Taktung auch visuell den unterhaltsam schnellen Wechsel der Darstellungs- und Sprechformen, in die Gedichte, Lieder, Propagandamaterial, politische Pamphlete und Textpassagen aus Tagebüchern, Zeitungsberichten oder Werbeprospekten eingeflochten wurden. Dabei kam auch der Humor nicht zu kurz. Immer wieder lockerten ironische Querverweise das Text-Bild-Gefüge auf, es gab satirische Karikaturen zu sehen und einmal wurden von Karl Kraus beschriebene Szenen aus dem Schützengraben mit einem Bericht über die Neueröffnung eines Wiener Kaffeehauses kontrastiert.

Multiperspektivische Einblicke

Konzipiert hat die Collage der pensionierte Bramscher Geschichtslehrer Burkhard Imeyer für seinen noch im Schuldienst aktiven Osnabrücker Kollegen Thomas Allewelt, der jeweils vier seiner Schülerinnen und Schüler gezielt angefragt hat, ob sie sich eine bühnenreife Umsetzung vorstellen könnten. Schritt für Schritt wurde dann gemeinsam die Inszenierung der Texte erarbeitet. Im stetigen regen Austausch mit dem Regisseur konnten die Schüler dabei auch eigene Ideen einbringen. Im Zentrum steht Sebastian Haffners im Jahr 2000 erst posthum veröffentlichte „Geschichte eines Deutschen“, die dessen Kindheits- und Jugenderinnerungen an das Trauma des Ersten Weltkriegs, die Zwischenkriegszeit und den langsam, aber sicher heraufziehenden Nationalsozialismus schildert.

Es hat ein paar Sitzungen gedauert, bis sich die Schüler mit dem Text vertraut gemacht und ihm mit ihren Stimmen die nötige Sinnbetonung und Emphase verliehen haben. Mit der Zeit wurde man aber nicht zuletzt durch die Gruppenarbeit „mitgerissen“, hat immer mehr die „Stimmung gefühlt“, die das Buch transportiert, sie schließlich „verinnerlicht“ und „mit dem eigenen Geschichtswissen“ verknüpfen können, erinnert sich Maya Gausmann an den Entwicklungsprozess. Sogar das „Gefühl, in der Zeit zu leben“, hat sich irgendwann eingestellt, pflichtet ihr Mitschüler Paul Bielefeld bei: Man habe durch die intensive Auseinandersetzung mit dem Text nicht nur abstrakt etwas über die damalige Gesellschaft gelernt, sondern auch hautnah mitfühlen können, was es für die einzelnen Menschen bedeutet hat und daraus fast eine Art „Lifestyle-Reportage“ gemacht, wie man heute sagen würde. Dabei beschränkt sich die kaleidoskopische Collage aber nicht nur auf die Perspektive Haffners, die sich von kindlicher Kriegsbegeisterung zur angsterfüllten Prophezeiung der Katastrophe verschoben hat. „So etwas“ hätten sie vorher noch nie gesehen, berichten die Schüler auch von einigen Zuschauerreaktionen auf die ersten hauseigenen Aufführungen in der Schulaula. Die Großeltern einer beteiligten Abiturientin hätten gar vor Ergriffenheit gezittert.

Hell- und Weitsicht gewonnen

Das Ergebnis des ambitionierten Projekts ist aber nicht nur für die Zuhörer und Zuschauer ein alle Sinne ansprechendes, vielschichtig geschichtsnahes Erlebnis, sondern hat auch die Protagonisten nachhaltig verändert. Gerade in der heutigen Zeit eines vielerorts wiedererstarkten Populismus ist es wichtig, sich zu vergegenwärtigen, wohin das führen kann, sind sich die Schüler einig. Vor allem die darstellerische Erarbeitung des historisch präzisen Haupttextes habe es ihnen „leicht gemacht“, sich in die Perspektive des Autors hineinzuversetzen und Geschichte anschaulicher und „näher“ zu erleben als im Unterricht, betont Laurin Schiffer. Insgesamt hat die Hell- und Weitsichtigkeit in Haffners Denken auf die Schüler abgefärbt und das Projekt für ein „besseres Weltverständnis“ gesorgt, wie Philipp Hagemann den Ertrag zusammenfasst. Und nicht nur sein Mitschüler William Homburg zieht daraus den Schluss, dass es wichtig ist, für Werte wie Demokratie und Freiheit „einzustehen“ – stellvertretend für eine Generation, die nur den Frieden kennt und mitunter gar nicht weiß, wie fragil diese sind und wie schnell es damit vorbei sein kann.

Termin

Eine weitere Vorstellung der von den Schülern erarbeiteten und präsentierten Text-Bild-Ton-Collage „Wem hätten wir denn sonst folgen sollen?“ wird am Mittwoch, 5. Juni, im Erich-Maria-Remarque-Friedenszentrum am Osnabrücker Markt zu sehen und zu hören sein.

Text: Matthias Liedtke

Quelle: https://www.noz.de/lokales/osnabrueck/artikel/1672194/abiturienten-erarbeiten-sich-sebastian-haffners-geschichte-eines-deutschen

Bilder von der ersten Lesung in der Schulaula

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