04 70 Jahre AbiturOBERSCHULE FÜR MÄDCHEN Ihr Abitur liegt 70 Jahre zurück - fünf ehemalige Schülerinnen der Klasse 12c des Abiturjahrgangs 1949 der damaligen Osnabrücker Oberschule für Mädchen am Heger-Tor-Wall haben sich jetzt im Parkhotel getroffen und sich mit dem heutigen Schulleiter des Gymnasiums „In der Wüste“, Nils Fischer, ausgetauscht.

Während die Chemie-Leistungskurse der aktuellen Abiturjahrgänge gerade über Redox-Gleichungen, Tenside und Säure-Basen-Reaktionen grübelten und ihre sechsstündige Abiklausur schrieben, saßen die fünf Damen, von den einige schon älter als 90 Jahre alt sind, im Parkhotel zusammen und ließen ihre Schulzeit noch einmal Revue passieren. Eingeladen hatten sie dazu Nils Fischer, den Schulleiter des Gymnasiums „In der Wüste“, das aus dem Lyzeum für Mädchen hervorgegangen ist, das die Damen einst besucht haben – am heutigen Heger-Tor-Wall, der damals nach Hitlers Geburtsort Braunauer Wall hieß.

Hiltrud Harthus hatte erneut die Initiative ergriffen und das mittlerweile 375. Klassentreffen organisiert. Auch ohne digitale Medien hat sie es geschafft, dass die Damen immer in Kontakt geblieben sind. „Wir waren 23 Mädchen in der Klasse, heute sind allerdings nur noch 7 übrig“. Harthus bedauert, dass viele Mitschüler mittlerweile verstorben sind. Trafen sich die Damen anfänglich noch wöchentlich, um gemeinsame Ausflüge in Museen oder auch Wanderungen zu unternehmen, kommen sie heute monatlich zum Reden und gemeinsamen Essen zusammen. Dafür reisen die agilen Damen teilweise aus Hannover an.

Gemeinsam blickten sie nun auf eine fast vergessene Zeit zurück. „Eine Zeit, die durch den Krieg so viel Entsetzliches mit sich brachte“, sagte Harthus und fügte hinzu: „Mein Bruder ist im Krieg gefallen. In der Schule lernten wir zwischen den Alarmzeiten der Bomber. Dann liefen wir oft mit unseren Lehrern über die Ruinen zum Ratsgymnasium hinüber, um dort in Räumen weiter zu büffeln“. Der Dank gelte noch heute ihren Lehrern, die ihnen unter den damaligen Schwierigkeiten doch noch so viel hätten beibringen können.

Ob das Abitur damals schwerer war und ihnen mehr abverlangt wurde, konnten sie nicht sagen. Wohl aber, dass das Lernen früher etwas ganz anderes war. Nein, Leistungskurse hätte es keine gegeben. Einsen gab es auch nicht so häufig - und Chemie war bei Weitem nicht das, was es heute ist. „Die jüngeren Lehrer waren damals alle eingezogen worden und die älteren, oft schon pensionierten Pädagogen, nahmen es damit nicht so genau. Nein, in Chemie ist nicht viel hängen geblieben“, gestanden die fünf Damen einmütig.

Dafür mussten sie Literaturklassiker auswendig lernen, Grammatik und Rechtschreibung wie sie sagen „ohne Ende“ pauken sowie Aufsätze schreiben. „In dem entbehrungsreichen Nachkriegsgeschehen hatten wir wenig Freizeitvergnügen und immer viele Hausarbeiten. Und es fehlte nicht nur an Papier und Bleistiften“, wussten die ehemaligen Abiturientinnen zu berichten. Das Ende der Schulzeit sei zwar nicht so wie heute zelebriert worden, aber eine Abschlussfahrt hätten auch sie unternommen. „Wenn auch nur mit dem Zug ins Schullandheim nach Tecklenburg und ohne Alkohol, denn dafür war kein Geld da.“

Und trotzdem erlebten sie eine Art Wonnegefühl, als sie die Hochschulreife bestanden hatten. „Wir dachten: jetzt steht uns die Welt offen. Doch früher war es nicht üblich, dass Frauen studierten. Der Mann ernährte die Familie“, erklärte Winifred Schlichte. So verwundert es nicht, dass lediglich drei aus der Klasse ein Hochschulstudium absolvierten. Schlichte selbst hätte damals gerne bei Weihenstephan Gährungswissenschaften studiert. Nachdem ihr Vater jedoch erblindete, übernahm sie den elterlichen Betrieb und führte ihn zu einer der modernsten Brennereien Deutschlands. Bekanntestes Produkt: Der "Steinhäger".

Lebensfroh und interessiert diskutierten die Damen mit Schulleiter Fischer über das Lernen heute und freuten sich darüber, dass Schüler wie Greta Thunberg Initiative für den Klimaschutz ergreifen und auf die Straße gehen. Ihrer Schulzeit gewinnen sie auch heute noch etwas Positives ab. „Ach, irgendwie war es ein großartiges Gefühl, dass die Familie zu einem stand. Wir haben gelernt, mit Mitmenschen zu leben“, sagte Harthus und merkte kritisch an: "Die viele Technik heutzutage birgt die Gefahr, uns auseinanderzudividieren".

Zum Abschied stimmten sich die fünf ab und legten den Termin für das nächste Treffen fest. Die zwei, die nicht dabei sein konnten, werden telefonisch informiert. So funktioniert das schon seit 70 Jahren – nach wie vor ohne E-Mail und Messenger- Dienste.

Text und Foto: Monika Vollmer

Quelle: https://www.noz.de/lokales/osnabrueck/artikel/1694235/osnabruecker-abiturientinnen-treffen-sich-70-jahre-nach-ihrem-abi