ABI-VORBEREITUNG MAL ANDERS

09 erpenbeck nozJenny Erpenbecks Roman "Gehen, ging, gegangen" galt bei seiner Erscheinung 2015, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle, als das Buch der Stunde. 2019 wird er für die niedersächsischen Abiturienten im Fach Deutsch ein zentraler Prüfungsinhalt sein. Aus diesem Grund besucht die Autorin im September verschiedene Gymnasien – auch in Osnabrück.

Für einen angehenden Abiturienten ist nicht selbstverständlich, den Autoren seiner Prüfungslektüre zu dem jeweiligen Werk befragen zu können. Die allermeisten Schriftsteller, die es in die entsprechenden Vorgaben des niedersächsischen Kultusministeriums schaffen, sind längst tot. Die letzten Abschlussjahrgänge im Fach Deutsch durften sich etwa mit "Dantons Tod" von Georg Büchner (1835), mit "Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953" von Uwe Johnson (1953), mit "Irrungen Wirrungen" von Theodor Fontane (1887) oder der "Apologie des Sokrates" des antiken Philosophen Planton beschäftigen.

Insofern erschien die Freude von Daniela Boßmeyer-Hoffmann, der Leiterin der Ursulaschule in Osnabrück, über den Besuch von Schriftstellerin Jenny Erpenbeck wohl verständlich. "Schön, dass Sie da sind. Das ist für uns etwas ganz Großes", begrüßte sie die Berlinerin Autorin in den Räumen des Gymnasiums. Erpenbeck las dort vor rund 250 angehenden Abiturienten, darunter auch Schüler von der Angelaschule und vom Abendgymnasium Sophie Scholl sowie der Berufsbildenden Schulen an der Brinkstraße aus ihrem Buch "Gehen, ging, gegangen". 

Von Interesse zu Engagement

Das 2015 erschienene Buch hat aus ihrer Sicht trotz der veränderten politischen Debatte nichts an Aktualität verloren. Als Hauptfigur ihres Roman stellte sie den Schülern Richard vor, einen emeritierten Philologie-Professor, der nach und nach die Geschichten mehrerer Flüchtlinge kennenlernt. Während beide Seiten zu Beginn vor allem eine Gemeinsamkeit haben – nämlich ein Übermaß an Zeit –, übernimmt Richard im Verlauf eine Art Vaterrolle für die jungen Männer aus Libyen, Ghana oder Niger. Ganz ähnlich, sagte Jenny Erpenbeck im Anschluss an die halbstündige Lesung, sei es auch ihr gegangen, als sie sich zum ersten Mal mit der Thematik befasste, nachdem sie von der Havarie eines Flüchtlingsbootes vor Lampedusa erfuhr. "Ich dachte, irgendwer muss sich die Zeit nehmen und herausfinden, wer diese Menschen sind, die zu uns kommen, und warum sie ihre Heimat verlassen". 

Genau das tat die Autorin und führte Interviews mit einer Gruppe von Afrikanern auf dem Berliner Oranienplatz. Inzwischen hat sie unter anderem die Vormundschaft für einen minderjährigen Flüchtling übernommen und sich in einem offenen Brief über den Berliner Innensenator Frank Henkel empört. Sie produziert Tuareg-Musik mit einem Musiker aus dem Niger und hat einer Familie in Ghana ein Grundstück gekauft. Zu den meisten ihrer Interviewpartner hält sie bis heute Kontakt. 

Reale Vorbilder für eine fiktive Geschichte

Ihre Nachricht, dass ausgerechnet das reale Vorbild für die Romanfigur Raschid inzwischen verstorben ist, hinterließ eine greifbare Beklommenheit unter den Abiturienten in der Ursulaschule. Nur Minuten zuvor hatte Erpenbeck die Stelle aus ihrem Buch vorgelesen, in der Raschid, der "Blitzeschleuderer", schwer herzkrank aber dennoch der politische Kopf der Berliner Flüchtlingsbewegung, eine Demonstration in der Hauptstadt anführte. "Das war ein Schock-Moment", sagte später Florian Nils Hehmann. Der 18-jährige belegt an der Ursulaschule den Leistungskurs im Fach Deutsch. Die Chance ist groß, dass "Gehen, ging, gegangen" im nächsten Frühjahr auch in seiner Abiturprüfung vorkommt. 

Überrascht sei er darüber gewesen, wie realitätsnah der Roman geschrieben ist. "Mir war nicht klar, dass die Figuren auf realen Vorbildern beruhen. Ich dachte, sie wären konstruiert." Die Lektüre habe er als sehr bereichernd empfunden. "Das Buch schaut nicht von oben auf die Flüchtlingsproblematik, sondern betrachtet den Einzelnen", erklärte er. Bereits vor der Veranstaltung hatten Hehmann und seine Mitschüler Fragen an Jenny Erpenbeck formuliert: Warum wählte sie gerade einen alternden Bildungsbürger zur Hauptfigur? Was hat es mit dem Motiv des toten Mannes im See auf sich? Was wollte sie damit bezwecken, ihren Richard Einkaufszettel aufschreiben zu lassen? 

Gymnasien-Tour durch Niedersachsen

Erpenbeck würdigte die detaillierte Vorbereitung der Schüler. "Ich mag ein junges Publikum", erklärte sie. "Man hat das Gefühl, dass sie noch Mut und Kraft haben, Dinge in Bewegung zu bringen und sich nicht mit schwierigen Verhältnissen abfinden." Außerdem könne sich der ein oder andere Schüler womöglich in den Flüchtlingen aus dem Roman wiedererkennen.  "Diese jungen Männer würden vielleicht auch gerade Abitur machen, wenn in ihrer Heimat nicht Krieg wäre und es entsprechende Schulen geben würde", sagte sie und war schon auf dem Weg zur nächsten Schule. Neben dem Gymnasium "In der Wüste" und dem Gymnasium Oesede will sie in dieser Woche auch noch Schulen in Syke und Hannover besuchen.

Text Louisa Riepe 
Foto: Jörn Martens

Quelle: https://www.noz.de/deutschland-welt/kultur/artikel/1537118/jenny-erpenbeck-autorin-des-romans-gehen-ging-gegangen-besucht-gymnasien